Preisgekröntes Durchhaltevermögen

Preisgekröntes Durchhaltevermögen

Die Marktgemeinde Prien ist mit dem ersten Preis des Wettbewerbs “Ich-Du-Wir – Gemeinde schafft Gemeinschaft” ausgezeichnet worden. Unter 30 sogenannten Inklusionsprojekten aus Salzburg und Südostbayern hatte eine Jury die politische und bürokratische Unterstützung der Kommune beim Bau der Wohnanlage des Vereins “Leben mit Handicap” auf Platz eins gesetzt.

Im kleinen Kursaal nahm Bürgermeister Jürgen Seifert stellvertretend für Marktgemeinderat und Verwaltung den Preis entegegen. Die Bedeutung des Wettbewerbs, den die Chiemgau-Lebenshilfe-Werkstätten (CLW), die Lebenshilfe Salzburg und das Behandlungs-zentrum Aschau mit finanzieller Unterstützung der EuRegio Salzburg – Berchtesgadener Land -Traunstein initiiert hatten, lässt sich auch daran ermessen, dass die Schirmherrschaft der Behin-dertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, übernommen hatte.

Hüppe verwies in seiner Rede vor zahlreichen Vertretern von Kommunen und anderen Preisträgern darauf, dass Inklusion, also Teilhabe, durch eine UN-Konvention seit 2009 ein festgeschriebenes Menschenrecht sei. Leider scheitere die Integration behinderter Menschen oft noch an Bürokratie oder Kleinigkeiten. So nutzen beispielsweise barrierefreie Bahnsteige und Züge nicht, wenn die Fahrkartenautomaten von Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen nicht zu bedienen seien. Hüppe warb unter anderem auch für eine leichter verständliche Sprache in behördlichen Schreiben.

EuRegio-Präsident Dr. Emmerich Riesner lobte den Wettbewerb, der von seinem länderübergreifenden Verbund, der fast 100 Kommunen angehören, mit 15.000 Euro unterstützt worden war, weil er sogenannte Best-Practise-Beispiele, also Vorzeigeprojekte der Inklusion, “vor den Vorhang holt”.

Den Bau der Wohnanlage von “Leben mit Handicap”, die vor einem Jahr eingeweiht worden war, hatten 30 Eltern behinderter Kinder unter Federführung ihres Vereinsvorsitzenden Günther Bauer (O-Ton Seifert: “die Speerspitze der Eltern”) nach jahrelanger Suche nach einem geeigneten Standort in zentraler Lage einer Gemeinde schließlich in Prien in die Tat umsetzen können.

Der Markt Prien hatte das Vorhaben von Anfang an politisch und bürokratisch unterstützt – anfangs auch gegen Widerstände aus der Bevölkerung. Seifert erinnerte daran, dass er seinerzeit zu einer Informationsveranstaltung mit der Bemerkung begrüßt worden sei, an diesem Abend gehe es “um meinen Kopf” und ihm ein Bürger sogar 50.000 Euro geboten hatte, damit er, Seifert, den Bau in ein Gewerbegebiet versetze. Trotz solchen Gegenwinds hatte der Marktgemeinderat stets einstimmig hinter dem Vorhaben gestanden. “Wir haben Menschen in unserer Mitte aufgenommen, die unser Leben in einer Weise bereichern, wie wir es teilweise verlernt haben”, sagte Seifert rückblickend. Er sei “unglaublich stolz” auf den Preis, den die Geschäftsführer der CLW, Wolfgang Enderle, und der Lebenshilfe Salzburg, Guido Güntert, überreichten.

Garniert wurde er mit der filmischen Umsetzung der Wohnanlage mit 30 Appartements in drei Wohngruppen, die in Stauden nahe des großen Kursaals entstanden ist. In den gut fünfminütigen Streifen, der auf Großleinwand uraufgeführt wurde, wird die Lebenssituation der Bewohner geschlildert, die auch selbst zu Wort kommen. “Mit so wenig Hilfe wie nötig, so viel Selbständigkeit wie möglich” zu ermöglichen, war das erklärte Ziel von “Leben mit Handicap”. Der Verein will vor allem jungen Erwachsenen mit Behinderungen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben und die Loslösung vom “Hotel Mama” ermöglichen.

Dass dies gelingt, belegten die Aussagen der Bewohner in dem Film, unter anderem: “Man fühlt sich total geborgen”, “Wir sind wie eine kleine Famillie” oder “Du wirst trainiert, erwachsen zu werden”. Die gute Atmosphäre im Haus bestätigten auch Mitarbeiterinnnen des Pflegepersonals, die den Bewohnern so viel Entscheidungsspielraum wie möglich lassen – von der Zusammenstellung des Speiseplans bis zur Freizeitgestaltung. Offenbar mit Erfolg, denn eine Pflegerin stellte fest: “Das sind die besten Bewohner, die es gibt. Die machen ihr Ding.”

Dass die Rolle der Marktgemeinde bei der Verwirklichung der Wohnanlage nun mit einem Preis gekrönt wurde, war nicht zuletzt Zweiter Brürgermeisterin Renate Hof zu verdanken, wie Seifert verriet. Sie hatte das Projekt für den Wettbewerb vorgeschlagen. Ein Mitglied der Jury brachte deren Bewertung auf einen einfachen Nenner: “Prien ist super, die waren die Besten.” Mit dem zentrumsnahen Standort der Wohnanalage kam der Markt Prien zudem dem Mottto “Gemeinde schafft Gemeinschaft” nahe, denn der zentrale Platz soll auch die Integration der Bewohner in die Priener Gesellschaft fördern.

Den zweiten Platzt teilten sich die “barrierefreie” Gemeinde Lamprechtshausen, die neben vielen anderen Maßnahmen unter anderem auch mit großem finanziellen Aufwand ein (mit dem Rollstuhl) “erfahrbares” Wandergebiet erschlossen hat, und die fünfköpfige Familienband “Not perfect” aus Trostberg, in der auch ein behinderter Sohn mitspielt und die den Abend der Preisverleihung musikalisch passend gestaltete.

Text: Dirk Breitfuß, OVB